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Herr Dr. Räber schreibt:

 

Erste Eindrücke:

Die Ruhe in der Halle. Das sonst anlässlich von Hundeausstellungen übliche  Gebell fehlte fast völlig, Nur ab und zu gab ein Hund seinen Unmut über die  Warterei lauthals kund.

Alle Hunde waren äusserst freundlich und umgänglich,  liessen sich ohne weiteres berühren, ich sah weder einen ängstlichen noch einen  aggressiven Hund und Rempeleien unter den Rüden gab es nicht. Das Zuchtziel  „sozial verträglicher Hund" ist beim Continental Bulldog ohne Zweifel erreicht.

 Das Ziel, Hunde ohne gravierende Atemprobleme zu  züchten, ist beim Continental Bulldog weitgehend erreicht worden. Aufgefallen  ist mir zudem, wie flüssig die Hunde im Trab liefen. Mit wenigen Ausnahmen  zeigten sie einen guten Schub der Hinterhand, geräuschvolles Schlurfen, ein  Merkmal der English Bulldogs, gab es nicht. Auch in dieser Beziehung wurde viel  im Hinblick „gesunder, bewegungsfreudiger Hund" erreicht.

 Dass bei einer sich im Aufbau befindliche Rasse noch  kein einheitliches Rassebild vorhanden sein kann, ist verständlich. Von Rassen,  deren Entstehung genau dokumentiert ist (Eurasier, Kromfohrländer, Saarloos und  Slowakischer Wolfhund, Kanaan Dog u.a.m.) wissen wir, dass es rund zehn  Generationen strengster Zuchtauslese bedarf, bis ein einheitlicher Phänotyp  vorhanden ist. Dabei war es beim Eurasier relativ leicht, aus Chow Chow und  Wolfspitz, oder bei den Wolfshunden aus Wolf und Dt. Schäferhund, einen  einheitlichen Typ zu erzüchten; beim Kromfohrländer ist er heute noch nicht  vorhanden. Hier geht man den Weg des geringsten Widerstandes und anerkennt  verschiedene Varietäten.

Das Problem beim Continental Bulldog kann mit den  Problemen des Kanaan Dogs verglichen werden. Auch da mussten die ersten Züchter,  die Dres. Menzel, aus verschiedenen Hunden zumeist unbekannter Abstammung  diejenigen aussuchen, die ihren Vorstellungen über die neue Rasse am besten  entsprachen.

 So ist es kaum verwunderlich und auch nicht anders zu  erwarten, dass recht verschiedene Typen zur Klubschau erschienen. Die Hunde, die  dem Standard in hohem Masse entsprachen, waren vorläufig noch in der Minderheit.  Doch dies wird sich von Generation zu Generation ändern und war übrigens bereits  festzustellen. Die Hunde in den Junghundeklassen waren einheitlicher als die  Hunde in den offenen Klassen.

 

Die nun folgenden Bemerkungen sollen keineswegs dem  Bericht des Richters vorgreifen, ganz abgesehen davon, dass ausserhalb des  Richterrings vieles nicht beachtet werden kann, was das Richterurteil  massgeblich beeinflusst.

Beim Grossteil der vorgeführten Hunde vermisste ich  noch die angestrebten Körperproportionen (Widerrist: Körperlänge = 1:1,2). Die  Hunde sind noch etwas zu lang und haben deshalb z.T. einen mehr oder weniger  ausgeprägten Senkrücken. Nicht durchwegs erreicht ist ebenfalls das Verhältnis  Widerrist: Brusttiefe = 2:1, d.h. bei vielen ist der Bodenabstand noch zu  gering. Diese Proportionen prägen wesentlich das Erscheinungsbild des Hundes und  müssen weiterhin angestrebt werden.

 Viele Hunde, und darunter befinden sich gerade die  besten, sind an der obersten Grössengrenze. Wir wollen keinen „Kleinboxer"  sondern einen höchstens mittelgrossen Bulldog; die ideale Grösse liegt bei 42  bis 44 cm.

Die meisten Hunde hatten eine gerade Rute, Knickruten  oder gar Korkenzieherruten waren selten. Wer meint, die Rutenform sei ein  nebensächliches Detail vergisst, dass die Rute Teil der Wirbelsäule ist. Eine  Krüppelrute steht in der Regel nicht für sich allein da, sondern korreliert mit  mehr oder weniger gravierenden Deformationen der Wirbel im Bereich der  Lendenwirbelsäule. Die deformierten Ruten müssen deshalb endgültig verschwinden.

 Etliche Hunde zeigten eine steile Hinterhand, bei  ihnen liegt die Kruppe höher als der Widerrist, und das stört das Gesamtbild des  Hundes empfindlich.

 Der „birnenförmige Rumpf" d.h. die schmale  Beckenpartie – übrigens eine Mitursache der Geburtsschwierigkeiten – ist beim  Continental Bulldog glücklicherweise praktisch verschwunden, hingegen fehlt bei  einigen noch der feste Schulterschluss und die gut am Brustkorb anliegenden  Ellbogen; dagegen waren fesselweiche Vorderläufe und ausgedrehte Pfoten nur bei  wenigen Hunden zu bemängeln.

Erfreulich viele Hunde zeigten einen genügend langen,  kräftigen Hals und eine gut gewölbte Nackenlinie und wenig Wamme; auch in dieser  Hinsicht ist ein Fortschritt zu verzeichnen.

Was die Köpfe betrifft, kann ich mir kein Urteil  erlauben, denn Kopfumfang, Gebiss, Hautfalten und Augen lassen sich ausserhalb  des Richterrings kaum beurteilen. Hier muss ich das Urteil dem Richter  überlassen. Ich kann höchstens sagen, dass für meinen Geschmack noch zu viele  Hunde einen zu krassen Stop haben, was mit eine Ursache für Atemprobleme sein  kann und zudem einen zu starken Vorbiss zur Folge hat.

 Hier stellt sich den Züchtern noch ein nicht leicht zu  lösendes Problem. Wir möchten Hunde mit einem knappen Vorbiss unter Beibehaltung  der typischen breiten Schnauzenpartie. Nun ist es leider so, dass die Länge des  Oberkiefers und die Länge des Unterkiefers von verschiedenen, von einander  unabhängigen genetischen Faktoren gesteuert werden, d.h., ein verkürzter  Oberkiefer bedingt nicht einen entsprechend verkürzten Unterkiefer. Der Begriff  Vorbiss sagt deutlich, dass der Hund mit den Schneidezähnen noch beissen kann, aber bei einem Abstand von mehr als 2 mm zwischen der oberen  und der unteren Schneidezahnreihe ist dies nicht mehr möglich. Ein „Vorbiss" von  30 mm ist kein Vorbiss mehr, sondern eine Deformation des Schädelskelets. Das  Ziel ist: ein gut markierter Stop aber ohne zu tiefe Einbuchtungen und ein gerades Nasenbein, das keineswegs zu kurz sein darf.

 

 Zum Schluss:  Die Klubschau war eine eindrückliche Heerschau einer im Aufbau befindlichen  Rasse und eines noch jungen Klubs. Imelda Angehrn hat mit dem Continental  Bulldog ein Kapitel kynologische Geschichte geschrieben, die, davon bin ich  überzeugt, Bestand haben wird und ich hoffe, dass die FCI in Bälde den  Continental Bulldog in ihre Nomenklatur aufnehmen wird.

 

                                                                                  sig. Dr. h.c. Hans Räber

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